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Public Viewing: Fans schauen in die Röhre

Fußball-EM Keine Partys in der Herborner Halle geplant

Herborn. Das wird viele Fans traurig machen: Zur am 10. Juni startenden Fußball-EM in Frankreich gibt es erstmals seit dem Sommermärchen 2006 kein Public Viewing in der Herborner Halle. Die Fußballfreunde müssen sich privat organisieren oder allein vor dem TV mitfiebern. Ortschef Peter Remuta bedauert die Entscheidung, betont aber, dass zur WM 2018 wieder in der Halle gejubelt werden soll.

Der organisatorische Aufwand ist groß: Und da gab es letztlich keine Einigung unter den Vereinsvertretern, zumal Hauptorganisator Stephan Dreher sein ehrenamtliches Engagement – womöglich auch vor dem Hintergrund der Schlappe bei der Urwahl des Bürgermeisters der Verbandsgemeinde Herrstein im Juni 2014 – eingeschränkt hat und sich wieder mehr auf den Beruf konzentriert. Blicken wir mal zurück. Was waren das im zweijährigen Rhythmus für geniale Feten an lauen Sommerabenden. Los ging es mit der WM 2006 in Deutschland. In Großstädten gab es die ersten Public Viewings, die die Massen lockten und die „Fußball-Verrückten“ vereinte. Bei Traumwetter machten sich die Herborner daran, die TV-Übertragungen der deutschen Spiele – und da war bekanntlich eines schöner als das andere – in der Halle zu übertragen.

Zweifel schnell beseitigt

„Wer soll denn do komme?“: An die Einwände im Frühjahr 2006, als in Herborn die Idee aufkam, in der Mehrzweckhalle Liveübertragungen der Spiele mit deutscher Beteiligung bei der anstehenden WM im eigenen Land zu organisieren, kann sich Stephan Dreher noch gut erinnern. Es kommt ganz anders: Die Halle wird während der WM zum „Mekka“ der deutschen Fans. Bei insgesamt acht Partien (inklusive des Endspiels) zählt Organisator Stephan Dreher rund 2500 friedlich und ausgelassen feiernde Gäste: „Da hat alles gepasst. Die schwarz-rot-geile Stimmung, die Logistik, die Abläufe: einfach phänomenal.“ Dreher, der sich bis zum Halbfinal-Aus der „Klinsmänner“ nicht rasiert hatte, gönnt den Italienern den Titel, sieht die deutsche Mannschaft aber als „Weltmeister der Herzen“, die erfrischend offensiv gespielt habe.

Und bereits nach dem Finale werden die ersten Stimmen laut: Nach der WM ist vor der EM in der Schweiz und Österreich: Auch 2008 herrscht pure Euphorie, die Halle tobt. Zum Feiern gibt es zum Schluss allerdings nach dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien keinen Anlass. Oder doch? Einige fahren nach Idar, formen der Niederlage zum Trotz einen Korso, bejubeln den Vizemeister – und üben schon mal für die WM in zwei Jahren. Gleiches Spiel 2010 bei der WM in Südafrika: Tribünen wie im Stadion, Stimmungshits zum Warmmachen, Megasound, Bilder in HD-Qualität, Würstchen, Mineralwasser und Bier. Die Kirner Privatbrauerei legt einen Erfolgspass auf: ein Bonussystem, das Freigetränke beschert – was allerdings abhängig vom Abschneiden der deutschen Mannschaft ist. Wieder passt alles. Da wird geschwitzt, gefeiert – und mancher reibt sich beim Public Viewing angesichts des 4:0-Viertelfinal-Sieges der deutschen Mannschaft gegen Argentinien ungläubig die Augen: darunter auch Uwe Weber, Bürgermeister der VG Herrstein.

Das ein oder andere technische Problemchen, das angesichts eines Gewitters bei der Übertragung auftaucht, strapaziert die Nerven. Wieder scheitern Jogis Jungs im Halbfinale an Spanien. Es wird nichts mit dem Titel. 2012 bei der EM in Polen und der Ukraine ist die Hütte brechend voll. Die Halbfinalniederlage gegen Italien – da schießt Mario Balotelli (der sich das Trikot in wilden Posen hochzieht) zwei Tore – bereitet vielen Fans nahezu körperliche Schmerzen. Dieses Mal muss es mit dem Titel klappen: Das ist die klare Ansage der Public-Viewing-Macher in Herborn für die WM 2014.

Und wie die ausgeht, ist bekannt. Am 13. Juli 2014 ist die Fanarena in Herborn ein Vulkan. 600 drinnen und weitere 200 draußen fiebern mit. Das richtige Gespür hat Stephan Dreher, als er in der Pause der Verlängerung die Höhner-Hymne „Wenn nicht jetzt, wann dann“ einspielt. Nach dem Götze-Geniestreich übersteht die Menge die Minuten bis zum Schlusspfiff hüpfend und zitternd. Danach brechen alle Dämme. Dreher darf sich über eine Bierdusche freuen.
Neuauflage in zwei Jahren?

Und nun schauen die Fans bei der am 10. Juni beginnenden EM in die Röhre. Bleibt zu hoffen, dass sich das zum übernächsten Fußballfest, der WM in Russland, wieder ändert und die Herborner nur mal eine kurze Auszeit nehmen.
Sollten Jogis Jungs das Spiel um Platz drei oder gar das Endspiel erreichen, wird es aber beim Veitsrodter Markt am zweiten Juli-Wochenende ganz sicher ein Public Viewing geben.

Nahe Zeitung vom Mittwoch, 25. Mai 2016

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